Ursache und Wirkung: Warum dein Kaffee nicht schuld am Chaos der Welt ist (aber vielleicht doch a bisserl)
Schön, dass du wieder da bist, nachdem du dich durch den letzten Artikel gekämpft hast wie Don Quijote gegen einen ganzen Windpark – der Schreibtisch ist diesmal tatsächlich aufgeräumt (zumindest die eine Ecke, die von der Tür aus sichtbar ist), die Katze hat kapituliert und schläft jetzt auf dem Drucker anstatt auf der Tastatur, und trotzdem sitzt da dieser nagende Gedanke in deinem Hinterkopf: Warum passiert eigentlich immer wieder das Gleiche? Warum trete ich morgens im Dunkeln immer auf denselben verdammten Legostein, obwohl ich doch genau weiß, dass mein Kind das Ding schon wieder nicht weggeräumt hat? Warum enden bestimmte Beziehungen immer wieder in denselben enttäuschenden Mustern, als wäre ich in einer Endlosschleife gefangen, die mir eine unbekannte Macht aufgezwungen hat? Und warum zur Hölle funktioniert diese eine Sache in der Gesellschaft einfach nicht, obwohl sie doch auf dem Papier so logisch und vernünftig klingt, dass jeder Depp sie verstehen müsste?
Die Antwort auf all diese Fragen – und das ist jetzt der Moment, in dem du dich vielleicht ein bisschen enttäuscht fühlst, weil es so banal klingt – liegt in einem uralten, fast schon langweilig wirkenden Konzept, das dir in der Schule wahrscheinlich von einem müden Geschichtslehrer oder einer überarbeiteten Philosophie-Lehrerin so trocken und lieblos präsentiert wurde, dass du am liebsten aus dem Fenster gesprungen wärst (wenn es denn auf Erdgeschosshöhe gewesen wäre): die Rede ist von Ursache und Wirkung.
Aber halt, bevor du jetzt genervt mit den Augen rollst und zu einem niedlicheren Artikel über süße Tierbabys oder zu den zehn besten Kaffeerezepten für den perfekten Morgen weiterscrollst oder die Augen über die realitätsfremde Selbstbeweihräucherung willkürlicher selbsternannter Influencer:innen verdrehst, möchte ich dich bitten, einen Moment innezuhalten. Dieses Konzept ist nämlich alles andere als langweilig; es ist kein staubiges Relikt aus dem Philosophieunterricht, sondern der heimliche Motor deines gesamten Lebens, der Grund für deine größten Erfolge und deine bittersten Niederlagen, die geheime Zutat hinter deinen glücklichsten Momenten und die unsichtbare Hand, die deine »Wie konnte das nur wieder passieren?«-Katastrophen orchestriert. Das Beste daran ist, dass du dieses Verständnis, sobald du es einmal wirklich verinnerlicht hast, ganz konkret für dich nutzen kannst – nicht um die Welt zu retten (das wäre ein bisschen viel verlangt), aber zumindest um den kleinen Teil, den du wirklich beeinflussen kannst, davon ein Stückchen besser, heller und erträglicher zu machen.
Also schnapp dir einen Kaffee (dessen anregende Wirkung auf deinen Geist du gleich selbst bestimmen und steuern kannst, je nachdem, ob du die Bohne vorher gemahlen hast oder nicht), mach es dir gemütlich in deinem Lieblingssessel, und lass uns gemeinsam eintauchen in die wunderbar widersprüchliche, manchmal frustrierende, aber letztlich enorm ermächtigende Welt von Ursache und Wirkung – es wird philosophisch an manchen Stellen, an anderen Stellen sehr praktisch und an manchen Stellen sogar richtig chaotisch, aber vor allem wird es eines: verdammt echt. Und ja, ein Tee, ein Fruchtsaft oder auch eine Flasche Bier oder ein Glas Wein gelten ebenfalls!
1. Das große Missverständnis, das uns alle immer wieder in die Irre führt: Die Welt ist keine verdammte Einbahnstraße
Die meisten Menschen, und ich schließe mich da für einen großen Teil meines Lebens ganz bewusst mit ein, denken bei Ursache und Wirkung an etwas ganz Einfaches, fast schon auf Kindergartenniveau: Da passiert zuerst das Eine, und dann passiert danach das Andere, also ist das Eine die Ursache des Anderen. So wie beim Dominospielen, wo du einen Stein anstupst und er fällt auf den nächsten, der fällt auf den übernächsten, und so weiter durch den ganzen Raum, bis schließlich der letzte Stein mit einem befriedigenden Klackern zu Boden geht – das ist klar, das ist logisch, das ist übersichtlich, und vor allem: das ist falsch.
So falsch wie die Annahme, dass deine Katze dich wirklich liebt und nicht nur deine Heizung im Winter; so falsch wie der Gedanke, dass der Paketbote pünktlich kommt und dir tatsächlich dein Paket übergibt, wenn du extra zu Hause bleibst; und so falsch wie die Hoffnung, dass dieser eine Anruf beim Kundenservice diesmal wirklich dein Problem löst, ohne dass du dreimal weiterverbunden wirst und am Ende bei jemandem landest, der noch weniger Ahnung hat als du selbst, oder dich in eine schier endlose Botschleife schickt.
Die Welt ist nämlich kein Dominospiel, auch wenn das unser träges Gehirn manchmal glauben machen möchte – die Welt ist vielmehr wie ein riesiges, unsichtbares Spinnennetz, in dem jeder einzelne Faden mit jedem anderen Faden verbunden ist, und wenn du an einem Faden zupfst (das wäre deine Ursache), dann bewegen sich alle anderen Fäden mit: manchmal siehst du die Bewegung sofort und deutlich, manchmal merkst du sie erst Wochen oder Monate später, und manchmal bekommst du sie nie bewusst mit, weil die Verkettungen so komplex und verzweigt sind, dass selbst der klügste Kopf der Welt daran verzweifeln würde.
Das eigentliche Problem liegt tiefer, als du denkst: Unser Gehirn, so leistungsfähig es auch sein mag in vielen Bereichen, liebt einfache Geschichten mit klaren Helden und noch klareren Schurken, mit einem klaren Anfang und einem befriedigenden Ende – A führt zu B führt zu C, das ist übersichtlich, das gibt uns das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle, und das passt wunderbar auf eine Bierdeckel-Philosophie, die man nach drei Bieren seinen Freund:innen erzählen kann, ohne dass einem die Augen zufallen.
Die unbequeme Wahrheit sieht jedoch ganz anders aus: Die allermeisten Ursachen, die wir auslösen, haben nicht eine einzige Wirkung, sondern ein ganzes Bündel von Wirkungen – manche erwünscht, manche unerwünscht, manche sofort sichtbar, manche erst in ferner Zukunft –, und die allermeisten Wirkungen, die wir in unserem Leben erfahren, sind nicht auf eine einzige Ursache zurückzuführen, sondern auf ein komplexes Geflecht aus vielen verschiedenen Faktoren, die alle miteinander verwoben sind wie die Fäden eines besonders kunstvoll geknüpften Teppichs.
Schauen wir uns das an einem alltäglichen, fast schon banalen Beispiel an, damit es nicht zu abstrakt bleibt: Du bist morgens schlecht gelaunt – das ist die Wirkung, über die du dich ärgerst, weil sie dir deinen ganzen Tag zu vermiesen droht, noch bevor du richtig wach bist. Die Frage ist jetzt: Was ist die Ursache? Die naheliegendste Antwort wäre: Zu wenig Schlaf – das klingt plausibel, das ist einfach, damit lässt es sich arbeiten. Aber dann fällt dir ein, dass du einen seltsamen Traum hattest, der dich noch beschäftigt; und vielleicht war es auch das Gespräch mit deinem Partner oder deiner Partnerin gestern Abend, das dir nicht aus dem Kopf geht; oder der aufgestaute Stress von drei Wochen intensiver Arbeit, der sich jetzt endlich Bahn bricht; oder der Kaffee, der heute Morgen irgendwie scheußlich schmeckt und dich an deine schlechte Laune aus Kindertagen erinnert, als du gezwungen wurdest, etwas zu essen, das du nicht mochtest – oder vielleicht ist es einfach die Schwerkraft, die dich mal wieder runterzieht (okay, der letzte Punkt ist Unsinn – oder vielleicht doch nicht ganz, wer weiß das schon).
Siehst du, worauf ich hinauswill? Schon dieses kleine, fast lächerlich banale Phänomen der »schlechten Laune am frühen Morgen« entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein ganzes Knäuel aus Ursachen, die alle ineinandergreifen, sich gegenseitig verstärken oder abschwächen, sich überlagern und manchmal sogar widersprechen – und wenn du jetzt, getrieben von dem Wunsch nach einer schnellen Lösung, versuchst, die »eine« Ursache zu identifizieren und zu bekämpfen (zum Beispiel, indem du beschließt, von jetzt an einfach früher ins Bett zu gehen), dann kann das durchaus hilfreich sein, keine Frage, aber es besteht genauso die Gefahr, dass du damit an der eigentlichen Wurzel des Problems vorbeirennst, weil die wahre Ursache vielleicht eine ganz andere ist – zum Beispiel dein ungeklärtes Gespräch mit deinem Partner, deine Überarbeitung oder der schäbige Kaffee.
Der Widerspruch, den du dir bitte tief ins Bewusstsein einprägen solltest, ist folgender: Wir Menschen sehnen uns zeitlebens nach der einen, klaren, eindeutigen Ursache, die wir identifizieren und dann beseitigen können, um endlich Frieden zu haben; aber die lebendige, widerspenstige Realität um uns herum ist ein einziger großer, chaotischer, wunderschöner, frustrierender Ursache-Wirkung-Brei, in dem sich die Fäden so oft und so unvorhersehbar kreuzen, dass jede noch so einfache Antwort zwangsläufig eine Vereinfachung ist – und damit, zumindest teilweise, eine Lüge.
2. Ursache und Wirkung im Alltag: Warum ein Legostein um drei Uhr früh dich zum weisen Buddha machen kann (wenn du dich darauf einlässt)
Nachdem wir uns nun theoretisch ausreichend aufgewärmt haben, möchte ich mit dir ganz klein anfangen – so klein, wie es nur irgendwie geht, nämlich mit dem bereits erwähnten, aber noch nicht ausführlich genug gewürdigten Fall des nächtlichen Legosteins, der sich dir um drei Uhr früh auf dem Weg zur Toilette mit hinterhältiger Präzision direkt unter die empfindlichste Stelle deines Fußes legt, und zwar genau in dem Moment, in dem du dich noch im Halbschlaf befindest und deine Schutzreflexe nicht richtig funktionieren.
Die banale, alltägliche Sichtweise, die die meisten Menschen (mich früher eingeschlossen) unwillkürlich anwenden, geht so: Die Ursache ist der Legostein, der achtlos auf dem Boden liegen gelassen wurde, und die Wirkung ist der höllische Schmerz in deinem Fuß, gefolgt von einer Kaskade von Fluchwörtern, die du seit deiner Jugend nicht mehr benutzt hast, und einer ordentlichen Portion Wut auf dein Kind, das den Stein nicht weggeräumt hat, obwohl du es mindestens dreimal darum gebeten hast – Punkt, Ende der Geschichte, Fall erledigt.
Die tiefergehende, wesentlich interessantere und für deine persönliche Entwicklung viel nützlichere Sichtweise geht jedoch so: Die eigentliche Ursache ist überhaupt nicht der Legostein als physisches Objekt, denn der Stein ist ja nicht von selbst auf magische Weise in deine Laufbahn gesprungen – der Stein ist letztlich nur der letzte Auslöser in einer ganzen Kette von Ereignissen, die dich zu diesem schmerzhaften Moment geführt haben. Die viel tiefer liegende Ursache ist nämlich, dass du dein Zimmer nicht aufgeräumt hast, bevor du ins Bett gegangen bist, oder dass dein Kind noch immer nicht gelernt hat, sein Spielzeug wegzuräumen, oder dass du noch immer kein vernünftiges System etabliert hast, wo die Steine hingehören (nämlich in die Kiste, nicht auf den Boden), oder dass du so dauerhaft gestresst und überlastet bist, dass du schon gar nicht mehr wahrnimmst, was um dich herum auf dem Boden herumliegt, weil dein Geist ständig mit tausend anderen, vermeintlich wichtigeren Dingen beschäftigt ist.
Und die Wirkung? Oh, die ist so viel größer und weitreichender als nur der Schmerz im Fuß, den du vielleicht schon nach zehn Minuten wieder vergessen hast – die Wirkung erstreckt sich über den gesamten nächsten Tag und vielleicht sogar darüber hinaus: Da ist zunächst die grantige, angeschlagene Stimmung, die du mit ins Bett zurücknimmst und die dich noch eine Weile wachhält; dann die schlechte Laune am nächsten Morgen, die sich wie ein grauer Schleier über alles legt; dann der kurze, ungerechtfertigte Grant, den du über deinem Kind ausschüttest, bevor es zur Schule geht; dann das schlechte Gewissen, das sich sofort daran anschließt, weil du genau weißt, dass dein Kind eigentlich nichts dafür kann und du eigentlich ein viel geduldigerer Mensch sein möchtest; dann die angespannte Frühstücksatmosphäre, von der alle anderen Familienmitglieder etwas mitbekommen; dann vielleicht sogar ein verspäteter Arbeitsbeginn, weil du mit dem Grant beschäftigt warst – und schon ist der ganze Vormittag im Eimer. Und das alles nur wegen eines einzigen, unscheinbaren Legosteins. Ein Legostein, und du hast eine ganze Kaskade von Wirkungen ausgelöst, ohne es zu wollen und ohne es zunächst einmal richtig zu bemerken.
Und jetzt kommt der entscheidende Punkt, an dem du die Macht bekommst, die dir vorher gefehlt hat: Du kannst diesen ganzen negativen Kreislauf durchbrechen, und zwar nicht, indem du den Legostein ansiehst und »böser, böser Stein, du bist an allem schuld« denkst (das wäre nämlich die falsche Ursache an der falschen Stelle), sondern indem du eine ganz andere Ursache anpackst, eine, die wirklich in deinem Einflussbereich liegt. Du kannst zum Beispiel ab jetzt darauf achten, vor dem Schlafengehen durchs Zimmer zu gehen und alles aufzuräumen – das ist eine kleine, konkrete Handlung mit großer Wirkung. Du kannst mit deinem Kind ein Gespräch über Ordnung führen, nicht als Vorwurf, sondern als gemeinsame Abmachung für ein friedlicheres Zusammenleben. Oder – und das ist die tiefste, nachhaltigste und gleichzeitig schwierigste Lösung – du kannst an deinem eigenen grundlegenden Stresslevel arbeiten, damit dich so ein kleiner, blöder Mist wie ein nächtlicher Legostein gar nicht mehr so sehr aus der Bahn werfen kann, weil deine innere Widerstandsfähigkeit einfach größer geworden ist.
Die kleine, feine Übung, die ich dir für heute oder spätestens morgen ans Herz legen möchte, ist diese: Beobachte einmal ganz bewusst über einen Tag hinweg eine bestimmte »Wirkung«, die dich stört – das kann deine morgendliche Müdigkeit sein, deine Ungeduld mit deinen Kolleg:innen, dein Frust über eine bestimmte Situation –, und dann stell dir nicht die oberflächliche Frage »Was war die eine Ursache?«, sondern die viel ergiebigere Frage »Welche verschiedenen Ursachen könnte es alles geben?« und vor allem die wirklich praktische Frage: »An welcher dieser Ursachen kann ich heute noch etwas ändern, ohne dass ich dafür einen riesigen, unüberwindbaren Aufwand betreiben müsste?«
Das ist der feine, aber entscheidende Unterschied zwischen dem ewigen Jammern auf der einen Seite (das dich in der Opferrolle hält, aber nichts verändert) und dem konkreten Handeln auf der anderen Seite (das dich zwar manchmal anstrengt, aber dich am Ende des Tages tatsächlich weiterbringt) – und es ist genau der Punkt, an dem die Geburtsstunde deiner persönlichen Selbstwirksamkeit liegt, also das Gefühl, dass du nicht einfach nur ein Spielball der Umstände bist, sondern etwas bewegen kannst, wenn du nur weißt, wo du ansetzen musst.
3. Beziehungen und das lustige, manchmal auch schmerzhafte Ping-Pong der gegenseitigen Vorwürfe
Wenn es einen Bereich in unserem Leben gibt, in dem das ganze komplizierte, widersprüchliche Geflecht von Ursache und Wirkung besonders deutlich und besonders schmerzhaft sichtbar wird, dann sind es mit ziemlicher Sicherheit unsere Beziehungen – egal, ob es sich um die große Liebe handelt, um eine langjährige Freundschaft oder um die eigenen Familienmitglieder, mit denen wir manchmal mehr und manchmal weniger gut klarkommen. Hier wird der einfache, klare Ursache-Wirkung-Zusammenhang so richtig schön verheddert, verdreht, verwickelt und schließlich so undurchschaubar, dass selbst der weiseste Beziehungstherapeut kapitulieren würde.
Hier ein Klassiker aus dem Alltag unzähliger Paare, der dir vielleicht bekannt vorkommen könnte: Die eine Person sagt zur anderen mit einem leichten Vorwurf in der Stimme, der eigentlich viel tiefer verletzt als die Worte selbst: »Du bist immer so kalt zu mir in letzter Zeit, du ziehst dich zurück, du gibst mir das Gefühl, dass ich dir egal bin.« Das ist die Wirkung, die sie beschreibt – das Gefühl der Zurückweisung, der Kälte, der Distanz, das sie wie einen dicken, grauen Wollmantel mit sich herumträgt. Daraufhin erwidert die andere Person, die sich zu Unrecht angegriffen fühlt und reflexhaft in die Verteidigung geht: »Ja, und das kommt daher, dass du immer so an mir klebst, sobald ich zur Tür reinkomme, und ich habe das Gefühl, dass ich gar keine Luft mehr zum Atmen habe in dieser Beziehung, und deshalb ziehe ich mich zurück – das ist doch logisch, oder?«
Und schon sind wir mittendrin in einem der ältesten und gleichzeitig unlösbarsten Dilemmata der menschlichen Beziehungsdynamik: Wer hat eigentlich angefangen mit dem ganzen Mist? Wer war zuerst kalt, und wer hat zuerst geklammert? Wer hat zuerst gelitten, und wer hat zuerst verletzt? Das ist die klassische Huhn-Ei-Frage in einer neuen, diesmal emotional aufgeladenen Verpackung – und die Wahrheit ist, und das ist vielleicht das Wichtigste, was du über Beziehungen wissen solltest: Niemand weiß es. Wirklich niemand. Nicht du, nicht ich, nicht die tausend Beziehungsratgeber, die dir etwas anderes erzählen wollen, um ihre Bücher zu verkaufen.
Die große, immer wiederkehrende Falle, in die so viele von uns tappen, besteht darin, dass wir uns selbst ausschließlich als die leidende Wirkung sehen, während wir die andere Person als die böse Ursache betrachten, die uns dieses Leiden zufügt. Der Satz »Wenn du nicht ständig X tun würdest, dann würde ich auch nicht Y tun« ist der Klassiker dieser Falle – er klingt so vernünftig, so logisch, so einleuchtend, und er hat nur einen kleinen, aber entscheidenden Haken: Er ist fast immer falsch, weil er die grundlegende Wahrheit über Beziehungen ignoriert, die da lautet, dass in Beziehungen Ursache und Wirkung keine gerade Linie bilden, auch keine Einbahnstraße, sondern eine Rückkopplungsschleife, eine Spirale, einen endlosen Kreislauf des Gebens und Nehmens, des Verletzens und des Verletztwerdens.
Du tust A, daraufhin tut die andere Person B, daraufhin tust du aus Frustration oder Verletztheit C, daraufhin tut die andere Person aus Angst oder Wut D, und so dreht sich die Spirale immer weiter, immer schneller, immer enger, bis irgendwann nach einigen Wochen, Monaten oder vielleicht sogar Jahren wirklich niemand mehr genau sagen kann, wer eigentlich mit diesem traurigen Spiel angefangen hat – und genau an diesem Punkt, an dem die gemeinsame Geschichte so verwoben ist wie ein alter, verfilzter Wollpullover, prallen dann die gegenseitigen Vorwürfe aufeinander wie zwei Boxer, die schon so lange kämpfen, dass sie vergessen haben, warum der Kampf überhaupt begonnen hat.
Hier ein ausführlicheres, vielleicht noch anschaulicheres Beispiel aus einer fiktiven, aber durchaus realistischen Beziehungskiste:
Sie sagt mit einem Anflug von Verzweiflung in der Stimme: »Du kommst doch in letzter Zeit immer so spät nach Hause vom Job, und wenn du dann endlich da bist, bist du so müde und gereizt, dass wir nicht mal mehr eine vernünftige Unterhaltung führen können – das macht mich so traurig und einsam, ehrlich.« In dieser Aussage sieht sie sich selbst ganz klar als die leidende Wirkung seiner Verspätungen und seiner schlechten Laune – er ist die Ursache (Täter), sie ist die Wirkung (Opfer), Punkt, fertig, aus.
Er antwortet, ebenfalls mit einer Mischung aus Frustration und Hilflosigkeit: »Ja, aber ich komme doch deshalb spät nach Hause, weil ich weiß, dass du sowieso schon wieder genervt sein wirst, wenn ich komme, egal wann ich komme – und ehrlich gesagt habe ich dann manchmal gar keine große Lust, mich diesem Grant auszusetzen, und dann bleibe ich halt noch ein bisschen länger im Büro, wo es wenigstens ruhig ist und niemand an mir herumnörgelt.« In dieser Antwort sieht er sich selbst als die logische Wirkung ihrer schlechten Laune – sie ist die Ursache, er ist die Wirkung, genauso eindeutig und genauso einseitig.
Das Perfide an dieser Konstellation ist, dass beide Partner mit ihrer jeweiligen Wahrnehmung weder völlig falsch noch völlig richtig liegen – sie liegen einfach auf unterschiedlichen Ebenen der Spirale, und von ihrer jeweiligen Position aus betrachtet wirkt die jeweils eigene Perspektive vollkommen schlüssig, logisch und unangreifbar. Keiner von beiden kann die Spirale als Ganzes sehen, weil keiner von beiden den Luxus einer Außenperspektive hat, und so warten alle darauf, dass der oder die andere endlich aufhört mit dem, was er oder sie tut – damit er oder sie selbst endlich aufhören kann mit dem, was er oder sie tut. Das ist keine böse Absicht, das ist einfach die begrenzte Sichtweise eines Menschen, der oder die mitten im Kampf steckt.
Der einzige Ausweg aus dieser Sackgasse, und das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse dieses gesamten Artikels, besteht darin, dass jemand – egal wer, egal wann, egal unter welchen Umständen – den Mut aufbringt, aus der Opferrolle auszusteigen und die Verantwortung für seinen eigenen Anteil an der Spirale zu übernehmen. Das könnte ein Satz sein wie: »Weißt du was – ich habe eigentlich gar keine Ahnung mehr, wer von uns beiden damals angefangen hat mit dem ganzen Theater, und ehrlich gesagt ist mir das inzwischen auch völlig egal geworden. Aber ich weiß eines: Ich bin kein hilfloser Stein im großen Dominospiel des Schicksals. Ich kann jetzt, in diesem Moment, etwas ganz anderes tun, und zwar völlig unabhängig davon, ob du dich jetzt änderst oder nicht.«
Das ist verdammt schwer, das ist manchmal unfassbar unfair (Warum soll ich ausgerechnet den ersten Schritt machen, wo doch die andere Person genauso schuld ist wie ich?), und das erfordert eine emotionale Reife und Größe, die nicht jeder Mensch in jeder Lebensphase aufbringen kann – aber es ist der einzige Weg, um die destruktive Spirale zu durchbrechen, denn solange du weiterhin darauf wartest, dass die andere Person sich zuerst ändert (also die vermeintliche Ursache beseitigt), bevor du dein eigenes Verhalten änderst (also die Wirkung beseitigst), wirst du noch in zwanzig Jahren an derselben Stelle stehen und dich über denselben Mist ärgern.
Der kleine, feine Satz, den ich dir für deine nächste Beziehungskrise als eine Art Mantra mit auf den Weg geben möchte, lautet deshalb: »Ich bin nicht einfach nur die passive Wirkung deiner aktiven Ursache, und du bist genauso wenig die alleinige Ursache meiner leidvollen Wirkung – wir beide sind gleichzeitig beides, wir sind Ursache und Wirkung, wir sind Täter und Opfer, wir sind verwoben in einem Netz, das wir gemeinsam gesponnen haben, und wenn wir es gemeinsam gesponnen haben, dann können wir es auch gemeinsam wieder entwirren; aber jemand muss den ersten Faden ziehen, und warum nicht ich?«
Ob du diesen Satz in einem tatsächlichen, hitzigen Beziehungsstreit tatsächlich aussprechen kannst, ohne dass dir jemand den Kopf abreißt, wage ich zu bezweifeln – aber wenn du ihn innerlich denkst, verändert er vielleicht deine Haltung, und eine veränderte Haltung ist oft der Anfang von allem.
Nur, damit wir uns richtig verstehen: Es ist NIE eine gute Idee, in Beziehungen zu bleiben, die dir nicht gut tun – egal, ob Liebesbeziehung, Familie, Freundschaft oder Beruf. Die Voraussetzung dafür, solche Entscheidungen in deinem nachhaltigen Interesse zu treffen, ist, dass du das manchmal irreführende Gefühl von vermeintlich offensichtlichen Kausalzusammenhängen von Ursache und Wirkung durchschaust.
4. Die Natur als große Lehrmeisterin: Wenn der Schmetterling mal wieder einen Hurrikan auslöst (und was du daraus lernen kannst)
Die Natur ist, das müssen wir ihr ehrlicherweise zugestehen, die absolute Meisterin des komplexen, vernetzten Ursache-Wirkung-Denkens – während wir Menschen uns mit unserem linearen, vereinfachenden Gehirn abmühen, läuft in der natürlichen Welt seit Milliarden von Jahren ein hochkomplexes, dynamisches, sich ständig selbst regulierendes System, in dem buchstäblich alles mit allem anderen auf eine Weise verbunden ist, die wir mit unserem Verstand nur in winzigen Ausschnitten erfassen können.
Das berühmteste, am häufigsten zitierte und gleichzeitig am meisten missverstandene Beispiel für dieses Phänomen ist der sogenannte Schmetterlingseffekt: Ein Schmetterling, so die Theorie, der irgendwo im brasilianischen Regenwald mit seinen zarten Flügeln schlägt, könnte dadurch eine kleine Luftverwirbelung auslösen, die sich über tausende von Kilometern fortpflanzt, sich mit anderen Luftströmen verbindet, sich aufschaukelt und schließlich Wochen später einen verheerenden Hurrikan an der Küste von Texas zur Folge haben könnte.
Das klingt auf den ersten Blick völlig absurd, und streng genommen ist es das auch, wenn es wörtlich genommen wird – aber wie bei vielen guten Geschichten steckt auch in dieser ein wahrer Kern, der da lautet, dass selbst die allerkleinsten, unscheinbarsten, auf den ersten Blick völlig bedeutungslosen Ursachen unter bestimmten Bedingungen, nämlich wenn sie auf ein besonders empfindliches oder fragiles System treffen, riesige, unerwartete, manchmal katastrophale Wirkungen entfalten können, und dass wir diese Wirkungen nicht vorhersagen können, selbst wenn wir noch so viele Daten sammeln und noch so raffinierte Computermodelle bauen.
Um das Ganze etwas praxisnäher zu gestalten, hier ein Beispiel aus deinem eigenen Garten (vorausgesetzt natürlich, du hast einen Garten – falls nicht, kannst du dir einen vorstellen oder dich an einen Balkon oder wenigstens an einen Blumentopf auf der Fensterbank erinnern):
Stell dir vor, du hast eine kleine Hecke in deinem Garten, die ein bisschen zu wild und zu breit geworden ist, und du nimmst dir eines Samstagnachmittags die Heckenschere und schneidest sie ordentlich zurück, was völlig harmlos aussieht und sich auch völlig harmlos anfühlt – eine kleine Ursache, denkst du, mit einer kleinen, überschaubaren Wirkung, nämlich dass die Hecke danach wieder schöner und gepflegter aussieht. Was du aber nicht siehst, weil du es nicht sehen kannst, ist, dass in dieser Hecke seit Wochen ein Igel sein Quartier hat, den du jetzt durch deinen radikalen Rückschnitt vertreibst, weil ihm plötzlich der Schutz fehlt, den er braucht.
Der Igel, der bisher in deiner Hecke gelebt hat, zieht also frustriert und obdachlos in den Nachbarsgarten, wo er keine Schnecken mehr frisst (weil er dort nicht genug findet), wodurch sich die Schneckenpopulation in deinem eigenen Garten explosionsartig vermehren kann (weil der Igel fehlt, der sie bisher in Schach gehalten hat), und die Schnecken fressen wiederum deinen sorgfältig gezogenen Salat an, was dich verärgert, weil du dich auf den Salat gefreut hast.
Jetzt kaufst du, um den Salat zu retten, im nächsten Baumarkt ein Schneckenkorn, das die Schnecken zuverlässig tötet – aber das Schneckenkorn tötet nicht nur die lästigen Schnecken, sondern leider auch die nützlichen Regenwürmer im Boden, die dafür sorgen, dass der Boden locker und belüftet bleibt, damit deine Pflanzen gut wachsen können. Durch das Absterben der Regenwürmer wird der Boden nach einiger Zeit dichter und härter, deine Pflanzen wachsen schlechter, du düngst mehr, um das auszugleichen, der Dünger wäscht bei starkem Regen ins Grundwasser, und so weiter und so fort – alles ausgelöst durch einen einzigen, kleinen Rückschnitt einer Hecke, der dir so harmlos erschien.
Siehst du, was ich meine? Eine kleine Hecke, eine kleine Handlung, eine riesige, unvorhersehbare Kaskade von Wirkungen, die sich über Monate und Jahre hinziehen kann.
Die Lehre für dich aus diesem naturnahen Exkurs ist allerdings nicht, dass du jetzt gar nichts mehr tun sollst aus Angst vor unkontrollierbaren Nebenwirkungen. Dieser Fehler wäre genauso töricht wie der Fehler des gedankenlosen Handelns – der Satz »Ich kann ja nichts tun, weil ich nicht alle Wirkungen überblicken kann, also lasse ich es lieber ganz bleiben« ist nämlich die bequemste, feigste und dümmste Ausrede, die sich ein Mensch einfallen lassen kann, um sich vor seiner eigenen Verantwortung zu drücken.
Die wichtigste Lehre ist eine ganz andere, nämlich die der Demut und der Bescheidenheit: Du wirst niemals alle Wirkungen deiner Handlungen vollständig überblicken können, das ist dir unmöglich, und jeder Mensch, der dir etwas anderes erzählt, ist entweder ein Betrüger oder eine Närrin. Aber du kannst lernen, in größeren Zusammenhängen zu denken; du kannst die Frage stellen: »Was passiert wohl, wenn ich das jetzt tue – nicht nur heute oder morgen, sondern in einem halben Jahr, in einem Jahr, in zehn Jahren? Und was passiert nicht nur für mich, sondern auch für meine Nachbarin, für den Igel, für den Boden, für das Grundwasser, für die Menschen, die nach mir kommen?«
Das ist keine Aufforderung zur Handlungsunfähigkeit, sondern eine Einladung zu mehr Bewusstheit, zu mehr Langsamkeit, zu mehr Respekt vor der Komplexität des Lebens – und manchmal, das ist das Schöne daran, reicht es völlig aus, eine kleine, gute Handlung zu setzen, ohne dass du sie bis ins letzte Ende durchdenken musst.
Mein Lieblingsbeispiel für diese Haltung ist ganz einfach: Pflanze einfach einen Baum – nicht, um die ganze Welt zu retten, nicht aus einer grandiosen, alles verändernden Geste heraus, sondern einfach deshalb, weil ein Baum etwas Schönes ist, weil er Schatten spendet, weil er Sauerstoff produziert, weil er Vögeln einen Lebensraum gibt. Und vielleicht, wer weiß, wird dieser eine Baum einmal der Gastgeber für ein Vogelnest, und der Vogel, der darin wohnt, trägt einen Samen aus, und aus dem Samen wächst ein weiterer Baum, und aus zwei Bäumen werden vier, und aus vier werden acht, und plötzlich, ohne dass du es groß geplant hast, hast du einen kleinen Wald, in dem Igel, Vögel und Schmetterlinge leben – und vielleicht löst einer dieser Schmetterlinge mit seinem Flügelschlag einen Hurrikan aus, aber das ist dann nicht mehr deine Verantwortung, und außerdem ist das ja auch nur eine Theorie.
Kleine Ursachen, kleine Wirkungen, aber tausendmal wiederholt, und schon sind sie nicht mehr klein.
Soweit ein Blick auf das manchmal so schmerzhafte und manchmal so freudvolle Paar von Ursache und Wirkung.
Hast du Beispiele aus deiner Erfahrung, die du mit mir teilen willst? Wünschst du dir bestimmte Beispiele von Ursache und Wirkung durchgespielt zu bekommen?
Schreib mir!
Bis bald, Tom der Widersprüchliche